Tracht der Zukunft

Zeitgemäße Interpretationen der Tracht und warum wir sie brauchen

Eines der heikelsten Themen wenn es um Tracht geht ist sicher die moderne Interpretation. Warum löst es so hitzige Diskussionen aus? Und warum brauchen wir die sogenannte traditionelle Tracht aber auch die moderne Auslegung?

Vorerst muss jedoch geklärt werden was traditionelle Tracht oder wie manche sie nennen die originale Tracht eigentlich ist. Gibt es sie überhaupt? An welchem Zeitpunkt der Geschichte oder in welcher Region setze ich das sogenannte Original fest? Hierzu ist unser Artikel „Was ist Tracht?“ als zusätzliche Informationsquelle zur Geschichte der Tracht im alpinen Raum lesenswert.

Was ist traditionelle Tracht?

Befasst man sich etwas näher mit dieser Thematik so muss man feststellen, dass es überhaupt keine Original-Tracht oder traditionelle Tracht gibt. Jede Zeitperiode und Modeära und jede Region hat ihre eigene Trachtenmode. Denn, nur etwas das sich weiterentwickelt bleibt lebendig, genau wie die Sprache. Wir sprechen heutzutage ein anderes Deutsch als wie zu Zeiten Goethes, denn eine Sprache ist stets im Wandel und trotzdem sprechen wir damals wie heute die selbe Sprache. Wird eine Sprache nicht weiterentwickelt, stirbt sie aus, wie zum Beispiel Latein.

Leider sterben heute vielerorts Landestrachten (genau wie Dialekte, Traditionen, Rituale oder spezielles Wissen über die Natur) aus, weil sich junge Menschen oft nicht mehr damit identifizieren können.

Was ist moderne Tracht?

Mit moderner Tracht sind keinesfalls die in Massen produzierten Wiesndirndl gemeint oder die Interpretationen großer Modehäuser die mit einigen Kreationen zur Wiesnzeit den Markt überfluten. Hier sind die kreativen, oft noch jungen Talente gemeint, die durchdachte Interpretationen der Tracht mit Einfluss des momentanen Zeitgeistes kreieren. Es sind oft schlichte Ansätze die mit interessanten traditionellen Details oder Herstellungsweisen verbunden werden. Die Traditionen geben hier die Richtung an und sind eine endlose Inspirationsquelle. Sie dienen als Wurzel der Kultur und erzeugen eine Verbundenheit zur Heimat. Nachfolgend möchten wir euch einige Beispiele zeitgemäßer und modern interpretierter Tracht zeigen:

Foto: Sandra Eckhardt
Foto: Eva Violetta/Sandra Eckhardt

Eva Violetta

Mit einer enormen Liebe zum Detail stellt Eva Käsbauer authentische Dirndl mit handgestiftelten Schürzen, filigrane Blusen und aufwendige Schnürmieder nach Vorbildern aus der Biedermeier-Zeit her. Und das alles in maßgeschneiderter Handarbeit. Modern an Eva Violettas Tracht ist die Schlichtheit, die Farben und die Eleganz der Dirndl; ein leichtes Gefühl der Nostalgie inklusive. Auf unserer Wunschliste befindet sich also ab sofort ein türkis-farbenes Schnürmieder von Eva Violetta!

Foto: Ladies & Lord Photography
Foto: Ladies & Lord Photography

Niely Hoetsch & Theresa Hirtzberger

Wer würde heutzutage eigentlich noch eine traditionelle Goldhaube tragen, ausser natürlich auf diversen Trachtenveranstaltungen? Niely Hoetsch designt edlen Kopfschmuck für die Braut und Theresa Hirtzberger schneidert zeitgemäße Trachten nach traditionellem Vorbild. Das gemeinsame Wissen haben die beiden Designerinnen jetzt kombiniert und dafür gesorgt dass Goldhauben wieder salonfähig sind. Die abgewandelten und vereinfachten Hauben sind wie Haarreifen leicht aufzusetzen und veredeln den Trachtenlook und bieten eine hübsche Alternative zum Trachtenhut. Vielleicht avancieren sie sich sogar zum Nachfolger der trendigen Blumenkränze. Besonders reizvoll wirken die Goldreifen als Schleierersatz zum Hochzeitsdirndl. Ein tolles Projekt der beiden und wir hoffen es findet Nachahmer für weitere fast ausgestorbene Trachtenaccessoires.

Foto: Der Ochse
Foto: Der Ochse/Sarah Panteleev

Der Ochse

Hiermit outen wir uns als Langzeit-Fans der Dirndlmanufaktur Der Ochse. Eva Maria Bührle und ihre Schwerster Sarah Panteleev verbinden traditionelle Kleidungsstücke mit einer zeitgenössischen Gestaltung und verwenden nur natürliche Materialien wie Leinen, Wolle, Seide und Baumwolle für ihre Dirndlkollektionen. Unsere Favoriten sind die dezente Dirndlbluse und das Leinen-T-Shirt zum Dirndl die stark an die herkömmlichen Miederleiberl erinnern. Ausgangspunkt der Entwürfe ist vielleicht eher die Arbeitkleidung als das Festtagsgewand – daher die vollkommene Reduzierung auf Form und Material. Die Schlichtheit lebt von den Materialkontrasten, den Oberflächenstrukturen und der reduzierten Silhuette. Eine tolle und elegante Umsetzung die durch raffinierte Einfachheit besticht!

Foto: Tiroler Adlerin
Foto: Tiroler Adlerin

Tiroler Adlerin

Die ehemalige Pädagogin Margret Schiestl sieht die Tracht mit der Marke Tiroler Adlerin durch ihr künstlerisches Auge. Anstatt der üblichen Leinwand verwendet Margret Schiestl in Zusammenarbeit mit ihrer Tochter aber Kleidung. Erste T-Shirts wurden von ihr mit Ihrer Kunst individualisiert und mit der Adlerin gebrandet. Jedes für sich ein Unikat, Ausdruck von Persönlichkeit, besonders. Erste Kleinserien vergriffen sich in wenigen Tagen. Mundpropaganda und Zufall halfen. Eine großartige Entwicklung für die Tiroler Adlerin.

Foto: www.pratofiore.com
Foto: www.pratofiore.com

Pratofiore

Mit unserem neuesten Fundstück Pratofiore schuf die Designerin Denise Pache mit ihrem Motto „Tracht will getragen werden“ eine beeindruckende kontemporäre Trachtenkollektion die durch ihren Purismus und dezenten Farben besticht. Simple und doch raffinierte Schnitte aus üppigen Textilien ergeben ein fortschrittliches Modell der Tracht. Entstanden ist dieses Konzept aus der Freude an Tracht und getrieben von dem Wunsch, die Vielfalt und Formschönheit weiblicher Tracht stärker in den Fokus des modischen Alltags zu rücken. Tracht darf sich verändern, soll mit der Zeit gehen und mit dem Selbstverständnis der Frau, die sie trägt. Selbstbewußt, modern und wandlungsfähig – so kann Tracht lebendig bleiben. Pratofiore hat das traditionelle Dirndl in eleganten, reduzierten Silhouetten neu interpretiert. Wir sind gespannt was als nächstes kommt!

Foto: JAN&INA Trachten
Foto: JAN&INA Trachten

JAN&INA Trachten

In München ist Janina von JAN&INA Trachten bereits in aller Munde. Als eine der Vorreiterninnen der modernen Tracht hat sie erfolgreich für mehr Akzeptanz bei den traditionellen Trachtenliebhabern gesorgt. Dies geschah vor allem durch die pragmatische Umsetzung mit einem Touch Vintage-Feeling und der Verwendung von trendigen Materialien wie Gobelin. Wahre Tracht ist beständig, ideenreich und außergewöhnlich, so wie bei JAN&INA Trachten. Um dieses Gefühl durch ein Design zu erschaffen, muss man in Tradition verwurzelt sein, ohne den Blick von der Gegenwart abzuwenden.

Foto: Céline Vogel
Foto: Céline Vogel/Sebastian Gabriel

Céline Vogel

Ob romatisch oder androgyn, Céline Vogel erkennt Stimmungen und setzt sie in ihrer Tracht um. Die gebürtige Münchnerin möchte sowohl die moderne bayerische Kultur als auch klassische Schlichtheit und Eleganz in ihren Dirndl-Kollektionen einbinden. Ohne jeglichen Schi-Schi oder überladene Deko-Elemente kreiert sie Trachten in dezenten aber auch kräftigen Farben. Traditionelle Elemente wie die gebundenen Träger oder die Schnürung am Rücken wirken angenehm raffiniert. Sehr gut gefällt uns die schwarze Dirndl-Kombination mit flachen Schnürschuhen. Genau das richtige für eine heimatverbundene, starke und fortschrittliche Frau.

Foto: Owloon
Foto: Owloon
Owloon

Bereits mit ihrer Debüt-Kollektion fiel Caroline Ellekes Liebe zu leuchtenden Farben und für die Tracht eher ungewöhnlichen Stoffen auf.Sie wollte Tracht mit Stolz tragen, sich schön fühlen, sich wohl fühlen und nicht verkleiden. Nachdem sie bereits als Kind viel genäht hatte, motivierte sie ihr Wille für den perfekten Schnitt und Verarbeitung einen Kurs in einer namhaften Münchner Nähschule zu belegen. Zusammen mit einer Diplomdesignerin, die ihr Wissen und ihre Erfahrung einbrachte, tüftelte sie an einem perfekten Dirndl. Auch die knöchellangen, oft unifarbenen Dirndl wirken bei Owloon nie altbacken oder bieder sondern edel und luxuriös. Aus der modernen Tracht ist Owloon nicht mehr wegzudenken. Ein toller Start für das Berliner Label!

Foto: Theresa Schöffel/Tina Herzl
Foto: Theresa Schöffel/Tina Herzl

Theresa Schöffel

Die Schnitte sind klassisch elegant doch die Farben und Drucke sind einzigartig und bestechend. Mit einem Dirndl von Theresa Schöffel hat man wirklich ein ins Auge fallendes Unikat.Die Modedesignerin ist bekannt für ihren lebhaften Mix aus Farben und Muster. Denn ihre Kollektionen sprechen ihre eigene Sprache, und die ist tatsächlich musterhaft. Der Esprit ihrer Kleider, Tücher, Taschen und Capes lebt von dem besonderen Ausdruck der Stoffe, die Theresa Schöffel in ihrem Atelier in der Nähe von Schloss Stainz selbst entwirft. Die handbedruckten Einzelstücke haben eine aussergewöhnliche Strahlkraft und vereinen die traditionelle Herstellung mit zeitgemäßer Tracht. Besonders gut können wir uns ihre Modelle als Brautdirndl vorstellen.

Foto: Gottseidank
Foto: Gottseidank

Gottseidank

Ein langjähriges Beispiel für moderne Tracht gibt nach wie vor Gottseidank. Geradlinig verfolgt das Münchner Label treu den traditionellen Charakter in modernem Antlitz nach der Philosophie:Tracht ist die stoffgewordene Hingabe und Emotion. Das Entwerfen und Herstellen von Tracht ist ein leidenschaftlicher, von traditionellem und historischem Verständnis geprägter Prozess. Besondere Schmuckstücke sind die hochgeschlossenen Dirndlblusen und die romantischen Schürzenschließen die jedes Dirndl zu einem zeitlosen Trachtenlook machen. Wir sind überzeugt jedes dieser Dirndl ist in zwanzig Jahren genauso modern wie heute.

Unser Fazit

Ob lieber verspielt oder dezent ist Geschmacksache, es gibt jedoch immer mehr Designer und Hersteller die fortschrittliche Tracht anfertigen. Wir sehen das überaus positive und längst überfällige Entwicklung und sind überzeugt sich immer mehr der kreativen Talente und traditionelle Experten sich davon inspirieren lassen. Jedoch muss man sich nicht ständig neu erfinden oder Trends nachahmen um Erfolg zu haben, sondern sich selbst weiterentwickeln und die Wurzeln in unsere Zeit übersetzen. Abschließen möchten wir mit einem nachdenklich stimmenden Zitat, dass jetzt hoffentlich niemand persönlich nimmt:

Tradition ist eine Laterne,
der Dumme hält sich an ihr fest,
dem Klugen leuchtet sie den Weg.

 

George Bernard Shaw

Schreibe einen Kommentar