Online Shop – Chance für kleine Trachtenlabels?

Online-Händler sind wichtige Partner für Trachtenlabels - Interview mit Limberry, Sonja Fellner und Münchner Trachtenmanufaktur

Kleine Trachtenlabels sind etwas ganz Besonderes. Der Großteil betreibt noch ehrliches Handwerk und produziert in limitierter Auflage. Im Gegensatz zur sogenannten Fast Fashion beuten kleine Labels weder Mensch noch Umwelt aus. Hinter diesen Labels stehen meist kreative Designer mit einer großen Leidenschaft: sie erschaffen Lieblingsstücke, die uns lange Freude bereiten.

Leider haben viele kleine Trachtenlabels das gleiche Problem: bei der Werbemacht der Großen beachtet zu werden und über die eigene Region hinaus Bekanntschaft zu erlangen ist gar nicht so einfach. So stellt sich für kleine Labels immer mehr die dringliche Frage, ob ein eigener Online Shop sinnvoll ist. Soll man? Soll man nicht? Ist es effizienter seine Produkte über einen Online Marktplatz wie Etsy, DaWanda, Amazon und Ebay oder sogar über einen etablierten Online Shop zusammen mit anderen Labels anzubieten?

Einen eigenen Online Shop professionell aufzubauen kann teuer werden. Über eine Webagentur ist man schnell mit 10.000 EUR und mehr mit dabei. Natürlich gibt es auch Alternativen wie z.B. 1&1 oder Jimdo. Das sind Webseitenanbieter mit sogenannten Homepage-Baukasten-Systemen. Der Vorteil von solchen Dienstleistern ist, dass man selbst absolut keine IT Kenntnisse braucht und die Anwendungen sehr benutzerfreundlich und selbsterklärend sind.

Doch es ist ja nicht so, dass man einen Shop aufbaut, Produkte einstellt und dann läuft alles wie von selbst. Ein eigener Shop bedeutet eine Heidenarbeit und ausreichend Durchhaltevermögen: Produkte und Warenbestände müssen aktualisiert werden, was ist vorrätig was kam zurück, man muss sich um den Versand und die Zahlungsdienstleister kümmern und die Kunden brauchen natürlich auch einen Ansprechpartner, wenn sie Fragen haben.

Doch vor allem die Produktpräsentation wird unterschätzt. Je professioneller die Bilder und auch die Beschreibung, desto besser. „Wer nicht wirbt, der stirbt“ sagte Henry Ford über die Werbung. Und genau so ist es. Ob Google Shopping, Adwords, Facebook, Pinterest oder Instagram – Social Media Marketing ist heutzutage einfach unerlässlich.

Eine Chance für kleine Labels

Aus oben genanntem Grund kann es für neue und kleine Labels von Vorteil sein mit einem renommierten Online-Händler zusammenzuarbeiten. Speziell für unsere Leser haben wir sowohl mit einem Online-Trachtenshop gesprochen, als auch mit zwei Labels die ihre Produkte über diesen Shop verkaufen.

Limberry wurde 2010 von der 26-jährigen Sibilla Kawala gegründet – zunächst als Fashionlabel für junge Mode zum Selbstgestalten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Onlineshop Limberry zum Spezialisten für Designer-Trachten. Heute führt Limberry über 25 Trachtenherrsteller im Sortiment und gehört damit zu den führenden Onlineshops für Designertrachtenmode. Hier unser Interview mit Sibilla von Limberry:

Online Shops als ChanceSibilla, wie findest du neue Designer und Labels für deinen Online-Shop Limberry?
Da ich extrem nah an der Branche dran bin, in Blogs oder Printmagazinen recherchiere und in regelmäßigem Austausch mit anderen Insidern der Trachteszene stehe, hat Limberry inzwischen einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht und wir bekommen viele Kooperationsanfragen von Designern und Labels.

Nach welchen Kriterien und Anforderungen entscheidest du dich für die Aufnahme eines neuen Labels in deinem Online-Shop?
Mir ist die hochwertige Qualität der Produkte am wichtigsten, daher achte ich sehr auf eine sorgfältige Auswahl der Stoffe und eine gute Verarbeitung der Materialien. Meiner Meinung nach erkennt man daran die Liebe zur Tracht. Ich freue mich immer über innovative, kreative Entwürfe, gerade von jungen und mutigen Designern. Da wir uns auf das Premium-Preissegment spezialisiert haben, nehmen wir keine Labels auf die Dirndl unter 350€ anbieten.

„Limberry ist wie ein Schaufenster in bester Stadtlage: Durch unseren hohen Traffic auf der Webseite werden Kunden auch auf bisher unbekanntere und kleinere Marken aufmerksam.“


Welche Chancen ergeben sich für neue Labels mit einem großen Online-Shop wie Limberry und welche Features kommen Ihnen dabei zugute?
Limberry ist wie ein Schaufenster in bester Stadtlage: Durch unseren hohen Traffic auf der Webseite limberry.de werden Kunden auch auf bisher unbekanntere und kleinere Marken aufmerksam. Wir machen darüberhinaus sehr viel Social Media und Content-Arbeit: Über Facebook, Instagram, unseren Newsletter und unser Online-Trachtenmagazin berichten wir über Hersteller in unserem Sortiment, neue Kollektionen oder Tipps und Trends. So steigern wir den Bekanntheitsgrad junger Labels und öffnen einen großen Kundenkreis für sie. Ich liebe es, diese Art der win-win Situationen herzustellen und eine enge, partnerschaftliche Arbeit liegt mir sehr am Herzen.

Was sind deine Trends der Trachtenbranche für das Jahr 2016?
Wir beobachten gerade einen interessanten Stilmix aus Tradition und Moderne; die Designs sind mutig und kombinieren den Zeitgeist mit traditionellen Elementen. 
Zudem gibt es viele Dirndl mit kurzen Ärmeln und Schößchen, sowie mit Knopffront. Aus dem Landhausstil kommt der Trend der Hirschmuster, die einfarbige Dirndl auflockern. 
Die Limberry Saison 2016 ist auf jeden Fall farbenfroh und lockt mit fröhlichen, sonnigen Sommerfarben. Bei den Materialien sind Leinen- und Baumwollstoffen derzeit angesagt, die angenehm leicht und locker zu tragen sind.

Eine letzte Frage: Wo geht die Reise mit Limberry in naher Zukunft hin?
Mein Vision ist es, dass Limberry die weltweit erste Anlaufstelle für exklusive Trachtendesigner und -mode wird – für Sie und Ihn. Wir sind bemüht nicht nur ein Onlineshop zu sein, sondern Trachtenliebhaber können sich auch in unserem Blog über alle News, Tipps und Trends rund um die Trachtenmode informieren.

Darüber hinaus werden wir weitere exklusive Labels in unseren Shop aufnehmen und auch unsere eigene Limberry-Kollektion ausweiten. Gerade bei der Herren-Trachtenmode sehe ich noch viel Gestaltungs- und Wachstumsspielraum! Auch ist es spannend, wie sehr sich das Thema Oktoberfest und damit auch die Trachtenmode internationalisiert hat. Weltweit gibt es inzwischen über 5.000 Oktoberfeste mit über 10 Millionen Besuchern; das größte wird zum Beispiel in Brasilien gefeiert. Da ziehen wir mit und werden global expandieren.

Aus Sicht der Labels

Auch von zwei Labels die über Limberry ihre Produkte vertreiben wollten wir wissen wie sie von dieser Zusammenarbeit profitieren.

Sonja Fellner vertreibt Couture-Dirndl unter anderem über den Limberry Online-Shop. Das Ziel der österreichischen Designerin ist, den Stil vergangener Tage zeitgemäß zu interpretieren und für die heutige Zeit wieder tragbar zu machen. Sie versteht ihre Kollektionen einerseits als Mode gewordene Essenz von zeitlosen Werten wie Heimat, Kultur und Handwerkskunst und andererseits als Kreation von höchster Ästhetik und Qualität, mit zeitgemäßen Trendanspruch. Uns interessiert wie der Online-Handel mit Couture-Dirndln funktioniert, die sonst eher maßgeschneidert werden doch dann für viele nicht mehr erschwinglich sind.

Sonja, wie ist das Online-Kaufverhalten bei Couture-Dirndln?
Natürlich gibt es eine höhere Retourenquote bei aufwendigeren Dirndln als bei günstigeren. Wichtig ist hier für den Kunden seine Maße genau zu kennen und vor dem Kauf auf den angegebenen Maßtabellen zu kontrollieren. Außerdem bieten wir Gutscheine für Änderungen bei einem Schneider an, also ist es von Vorteil nicht zu kleine Größen zu bestellen. So kann man unnötige Retouren vermeiden und hat sein eigenes Couture-Dirndl für einen angemessenen Preis.

Welche Vorteile sprechen dafür über einen großen Online-Händler zu verkaufen?
Ein Vorteil ist auf jeden Fall ein höherer Bekanntheitsgrad der Marke! Wenn man noch einen eigenen Online-Shop betreibt sind die Bestellungen über den Online-Händler jedoch manchmal mit einem höheren Aufwand wie zum Beispiel lang andauernde Rücksendungen verbunden. Hier wäre eine Mindestabnahme bei den Online-Händlern von Vorteil.

Die Münchner Manufaktur ist ein Label von zwei Damen für Damen mit hohen Ansprüchen. Trachtenjacken und Gehröcke sind ihre Steckenpferde und sie überlassen nichts dem Zufall. Mit ihrem Wissen um die Tracht, gelingt es Birgit Oberbigler und Birgitt Bultan modernes und klassisches Design gekonnt miteinander zu verweben. Ihre Trachtenjacken sprechen eine farbenfrohe Sprache und sind dabei in der Schnittführung dezent und zurückhaltend. Viel Wert wird auf kleine feine Details wie Innenfutter und Knöpfe gelegt. Wir möchten wissen was sie dazu bewegt hat ihre Produkte über einen Online-Händler zu vertreiben.

Welchen Anreiz hattet ihr die Produkte über einen Online-Shop wie Limberry zu vertreiben und keinen eigenen Online-Shop aufzubauen?
Der Limberry Online-Shop ist eine schön umgesetzte Plattform im Trachtenbereich um dort unsere Kollektion online zu präsentieren. Es gibt nicht viele vergleichbare Online-Shops die auch die Hochwertigkeit so konstant umsetzen. Ein eigener Online-Shop steht für uns momentan noch nicht auf dem Plan.

Habt ihr das Gefühl der Bekanntheitsgrad des Labels ist dadurch gestiegen?
Ja, auf jeden Fall. Limberry hat eine große Reichweite auf den sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook und Instagram. Während wir unsere Marke weiter ausbauen erhöht sich die Sichtbarkeit und der Bekanntheitsgrad in den Medien. Sofern es ein Teil unserer Kollektion in der gewünschten Größe über den Online-Shop nicht mehr verfügbar ist, können wir dann auf unsere Einzelhändler verweisen.

unser Fazit

Der Vertrieb über einen großen Online-Shop ist ein Sprungbrett um sich als neue Marke in einer Branche zu positionieren da kleine Labels noch nicht über ausreichend Kontakte oder Branchenwissen verfügen. Auch sind sie so Teil des Marketing-Konzepts des Online-Händlers und können sich so erhebliche Kosten sparen. Neue Marken die sich nach Online-Händlern umschauen können sich mit Labels die bereits mit großen Online-Händler zusammenarbeiten austauschen damit die Entscheidung leichter fällt. Mit der Zeit bauen sich einige Labels parallel dazu einen eigenen Online-Shop auf und haben so eine gute Kombination für den Online-Vertrieb.

 

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